Der Bundesgerichtshof (BGH; Az. VI ZR 100/20) hat zur Frage, ob eine aufgrund der tatsächlichen Reparaturkosten mögliche sog. 130 Prozent-Abrechnung auch dann zulässig ist, wenn das Gutachten dem entgegensteht, sinngemäß folgendes entschieden:
Kann der Geschädigte nachweisen, dass er entgegen dem Sachverständigengutachten die erforderliche Fahrzeugreparatur (unter Berücksichtigung eines merkantilen Minderwerts) innerhalb der 130 Prozent-Grenze fachgerecht und dem Gutachten entsprechend durchgeführt hat, dann hat er einen Anspruch auf den tatsächlich entstandenen Reparaturaufwand, wenn er damit den Zustand seines Fahrzeugs wie vor dem Unfall wieder herstellt und es nach der Reparatur weiter nutzt.
Fazit:
Schon nach der bisherigen BGH-Rechtsprechung galt, dass der Geschädigte einen Anspruch auf die erforderlichen und tatsächlich entstandenen Reparaturkosten hat, wenn er nach einem Unfall die fachgerechte und vollständige Reparatur des Fahrzeugs innerhalb der 130 Prozent-Grenze beweisen kann – ggf. unter Verwendung von Gebrauchtteilen – und es mindestens für eine Haltefrist von sechs Monaten weiter nutzt.
Der BGH hatte diese Aussage bisher nur für tatsächlich entstandene Reparaturkosten bis zu 100 Prozent des Wiederbeschaffungswertes entschieden. Neu an dem aktuellen BGH-Urteil ist nun, dass ein solcher Reparaturkostenanspruch auch gegeben ist, wenn das vorgerichtliche Gutachten Reparaturkosten oberhalb von 130 Prozent des Wiederbeschaffungswerts ausgewiesen hat.
Zwar kann das Urteil einem Geschädigten gewisse weitere Möglichkeiten eröffnen, sein Fahrzeug nach einem Unfall reparieren zu lassen (insbesondere bei älteren Fahrzeugen mit geringerem Wiederbeschaffungswert). Allerdings ist es unabhängig davon für einen Geschädigten nach wie vor risikoreich und schwierig, die Fachgerechtigkeit und Vollständigkeit der Instandsetzung nachzuweisen.