Die Forderungen seitens unterschiedlichster Akteure für einen besseren und schnelleren Zugriff auf die im Fahrzeug gesammelten Daten werden lauter. Das Thema nimmt auch auf politischer Ebene Fahrt auf. Die Autohersteller sehen das naturgemäß kritisch. Im Gerangel um das Milliardengeschäft mit Autoreparaturen und -dienstleistungen sieht ein Bündnis von Versicherern, Freien Werkstätten, Überwachungsorganisationen und Teilehändlern die Zeit für wesentliche Änderungen gekommen. Sie alle erhoffen sich besseren und schnelleren Zugriff auf Autodaten.
Anlass sind die geplanten Regelungen zu Datenteilung und -management in Brüssel und Berlin. Die EU will in diesem Jahr ihren „Data Governance Act“ vorlegen. Das Bundesforschungsministerium will im November den Ideenwettbewerb für künftige Datentreuhänder starten. Derzeit läuft hierzu die Ausschreibung.
Allerdings bedeutet der Ideenwettbewerb des Forschungsministeriums nicht, dass am Ende gleich Treuhänder gekürt würden, die über die Teilung von Fahrzeug- und sonstigen Daten wachen. Im ersten Schritt geht es darum, wie Treuhänder arbeiten könnten. Dem Verband der Technischen Überwachungs-Vereine (VdTÜV) ist der Bund zu langsam und er verlangt eine schnellere wirksame Regulierung. Der Ruf nach einem Datentreuhänder, bei dem Daten hochsicher abgelegt werden könnten, um Unfälle aufzuklären, spielt aus dieser Sicht eine entscheidende Rolle. Es würde Missbrauch Tür und Tor öffnen, wenn die Hersteller bestimmen welche Daten bei der Aufklärung von Unfällen freigegeben werden oder nicht. Lösungsansätze gibt es viele, ob wie aktuell mit dem HU-Adapter oder künftig auch „over the air“. Die Prüforganisationen sehen den Zugang zu sicherheits- und umweltrelevanten Daten daher als unerlässlich an.
Dem Fahrzeugteilehandel und unseren Freien Werkstätten geht es um Reparaturaufträge. Hersteller hätten früh begonnen, die von ihnen produzierten Fahrzeuge mit Telematiksystemen auszustatten, mit denen sie exklusiv kommunizieren“, sagt ein Sprecher des Gesamtverbands Autoteile-Handel (GVA). „Damit besteht die Gefahr, dass unabhängige Marktakteure ihre Diagnose-, Reparatur- und Wartungsleistungen für ein Fahrzeug nicht gleichberechtigt, das heißt, zu fairen Wettbewerbsbedingungen durchführen können und so vom Kfz-Servicemarkt verdrängt werden.“ Eine Hauptfrage ist auch, wer Autobesitzer in welche Werkstätten lenken darf und kann. Die Hersteller haben Vertragswerkstätten, ebenso die Versicherer, daneben gibt es ungebundene Werkstätten ebenso wie Reparaturketten, die mit Autoteilehändlern kooperieren.
Fahrzeugteilehändler und Werkstätten fürchten, dass im ungünstigen Fall mit Auftragseinbußen zu rechnen ist, mit oder ohne Treuhänder und Datenteilung. „Wenn sensor-/fahrzeuggenerierte Daten dem Fahrzeughersteller übermittelt werden, der mögliche Wartungs- und Reparaturarbeiten in seinem Vertragsnetz halten will, wird er diese Informationen zuerst auswerten“, heißt es beim GVA. Letztlich hat die Auswahl der Werkstatt Auswirkungen auf die Frage, welche Teile verbaut werden – Originalersatzteile oder günstigere Fremdfabrikate. Deutschlands größter Versicherer Allianz betont, dass er bei Unfällen vor allem ungehinderte Ursachenforschung betreiben muss und beim Datenzugriff nicht vom Hersteller abhängig sein darf. Einen wichtigen Anwendungsbereich für einen Datentreuhänder sieht die Allianz im Rahmen der Aufklärung von Unfällen mit hoch- und vollautomatisiert fahrenden Fahrzeugen. Die Aufklärung der Unfallursache ist für die Allianz von erheblicher Bedeutung, um den Unfallverantwortlichen zu ermitteln. Das Argument der Allianz: Wenn nicht geklärt ist, wer oder was einen Unfall verursacht hat, kann der Schaden auch nicht reguliert werden.
Die Autoindustrie sieht die Lage naturgemäß anders. Die Hersteller fürchten eine Situation, in der sie viel Geld für die Entwicklung der Fahrzeuge und notwendiger Software investieren und anschließend ihre Arbeit vielen Nutznießern preisgeben müssen. Sorge treibt nicht nur die Autobranche um, auch der Digitalverband Bitkom hat vor exzessivem Zwang zur Datenteilung gewarnt. Wer seine Innovationen mit Wettbewerbern teilen muss, hat wenig von seiner Erfindung, was die Motivation senkt, überhaupt noch etwas zu erfinden.
Wie Allianz und VdTÜV argumentiert der Verband der Autoindustrie (VDA) mit öffentlichem Interesse –der Sicherheit. „Dabei gilt es, sowohl die Fahrzeug- und Nutzerdaten gegen unautorisierte Zugriffe als auch jegliche Fahrzeugfunktionen gegen Manipulation zu schützen“, heißt es beim VDA. Das bezieht sich darauf, dass die Sicherheit leiden könnte, wenn Fahrzeugdaten auf externen Servern liegen, die für viele Interessenten zugänglich sind.
(034-06/Alexander Gurski)