Das Frühjahrsgutachten zur Analyse und Prognose der wirtschaftlichen Lage in Deutschland wurde von der Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose, der zahlreiche Wirtschaftsforschungsinstitute angehören, vorgelegt. Das 144. Gutachten trägt den Titel: Von der Pandemie zur Energiekrise – Wirtschaft und Politik im Dauerstress.
Vorausgeschickt sei, dass aufgrund der hohen Unsicherheit über die für die deutsche Wirtschaft wichtigen Gaslieferungen aus Russland die Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Frühjahrsgutachten zwei Szenarien für die konjunkturelle Entwicklung berechnet haben. Das Basisszenario geht von fortgesetzten Gaslieferungen und keinen weiteren ökonomischen Eskalationen aus. Dem Alternativszenario wiederum liegt ein sofortiger Stopp russischer Gaslieferungen zugrunde. Im Basisszenario soll das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2022 um 2,7 Prozent steigen, im Falle eines Lieferstopps nur um 1,9 Prozent, denn der Wegfall der Pandemiebeschränkungen sorgt für konjunkturellen Auftrieb. Allerdings wirken die unterbrochenen Lieferketten dämpfend. Und der Ukrainekrieg belastet die Konjunktur sowohl angebots- wie nachfrageseitig. 2023 könnte das BIP um 3,1 Prozent steigen, meinen die Experten, im Falle eines Lieferstopps jedoch um 2,2 Prozent sinken. Der kumulierte BIP-Verlust würde sich im Falle eines Lieferstopps allein in den beiden Jahren 2022 und 2023 auf rund 220 Mrd. Euro belaufen, was mehr als 6,5 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung entspricht.
Vor dem Hintergrund, dass schon die staatlichen Hilfspakete während der Pandemie preistreibend gewirkt haben und nunmehr die Verteuerung wichtiger Energierohstoffe nach dem russischen Überfall den Preisauftrieb weiter anfachen, rechnen die Wirtschaftsforschungsinstitute mit einer Inflationsrate von 6,1 Prozent für das laufende Jahr im Basisszenario. Das ist der höchste Wert seit 40 Jahren. Im Falle eines Lieferstopps für russische Energie könnten sogar 7,3 Prozent erreicht werden. Das wäre der höchste Wert seit Bestehen der Bundesrepublik. Auch im Jahr 2023 dürfte die Rate deutlich über dem Durchschnitt seit der Wiedervereinigung liegen: Mit 2,8 Prozent im Basisszenario und 5,0 Prozent im alternativen.
Die Arbeitslosenquote soll im Basisszenario in beiden Prognosejahren bei 5,0 Prozent liegen. Im Fall eines Lieferstopps könnten die Raten 5,2 Prozent (2022) und 6,0 Prozent (2023) betragen. Daraus entstehende konjunkturelle Belastungen würden im Wesentlichen über eine reduzierte Arbeitszeit aufgefangen werden, äußern die Wirtschaftsexperten.
Stefan Kooths, Vizepräsident und Konjunkturchef des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW Kiel) malt das Bild einer scharfen Rezession, wenn es zu einem Stopp der Gaslieferungen kommt, in der Pressemitteilung der Gemeinschaftsdiagnose 1/2022 auf. „Wirtschaftspolitisch käme es dann darauf an, marktfähige Produktionsstrukturen zu stützen, ohne den Strukturwandel aufzuhalten. Dieser wird sich für die gasintensiven Industrien auch ohne Boykott beschleunigen, da die Abhängigkeit von den bislang günstig zu beziehenden russischen Lieferungen so oder so rasch überwunden werden soll“, so Kooths.
Das 144. Gutachten und die Pressemitteilung zur Gemeinschaftsdiagnose können auf www.kfz-bw.de unter Mitglieder / Unser Service für Mitglieder / Downloads / Monatsdienst heruntergeladen werden.