Das Argument, Elektroautos brauchen weniger Wartung, ist in aller Munde. Da viele typische Teile eines Verbrenner-Modells in einem E-Auto nicht verbaut werden müssen, führt dies zur Annahme es komme bei Wartung und Service zur Kostenersparnis. Gängige Bauteile und Systeme wie z.B. die Kupplung, Zahnriemen, Auspuffanlage, Ölfilter und Zündkerzen entfallen. Ebenfalls ist davon die Rede, der Bremsenverschleiß sei viel geringer.
Aus einer Analyse des US-amerikanischen Marktforschungsinstituts We Predict, welches die Daten von rund 19 Millionen Fahrzeugen zwischen den Modelljahren 2016 und 2021 ausgewertet hat, lassen sich allerdings andere Ansätze entnehmen. Demnach ist die Wartung von Elektroautos in den ersten Monaten deutlich teurer als von Fahrzeugen mit Verbrennermotor. Die Kosten seien in den ersten drei Monaten etwa 2,3 Mal höher, nach einem Jahr noch 1,6 Mal teurer.
Diese Zahlen sorgen für Überraschung, schließlich gelten Elektroautos, wie eingangs formuliert, in Wartung und Service deutlich günstiger als Verbrenner. Renee Stephens, Vizepräsidentin We Predict, sieht als Hauptursache die neue, vielen Werkstätten noch unbekannte Technik. „Die Branche führt die Elektrotechnik derzeit in den Markt ein“, sagte Stephens laut Automotive News Europe. „Wir sehen darin einen Launch-Faktor.“ Damit ist die Einführungsphase einer neuen Technik gemeint. Somit muss erst Wissen und Umgang mit Innovationen eventuell durch Schulungen und Erfahrungen gesammelt und sukzessive umgesetzt werden.
Die Daten von We Predict zeigen auf, dass Servicetechniker doppelt so viel Zeit mit der Diagnose von Störungen bei E-Fahrzeugen verbringen wie bei Verbrennern. Die Reparatur dauere 1,5 Mal länger und der durchschnittliche Arbeitsaufwand sei 1,3 Mal höher.
Zwischen den Herstellern gibt es jedoch noch große Preisunterschiede im Rahmen dieser Bewertung. Nach dreimonatigem Betrieb lagen die Servicekosten für den Mach-E bei 93 US-Dollar pro Fahrzeug und damit weit unter denen des nächsten Wettbewerbers, des Audi E-tron, mit 366 US-Dollar pro Fahrzeug. Der Porsche Taycan kam auf 667 US-Dollar pro Fahrzeug, während der Jaguar I-Pace 834 US-Dollar pro Fahrzeug kostete.
Aus technischer Sicht ist ebenfalls erwähnenswert, dass das Argument des geringeren Bremsverschleißes nur bedingt greift. Die starke Selbstbremswirkung des E-Motors führt bekanntlich dazu, dass es für geringe Verzögerungen völlig ausreicht, den Fuß vom Gaspedal zu nehmen. Dabei wird jedoch das höhere Eigengewicht eines Stromers vernachlässigt. Das wird hervorgerufen durch die Batterien oder den zusätzlichen, elektrifizierten Antriebsstrang, wodurch das E-Fahrzeug wesentlich schwerer ausfällt als der Verbrenner. Damit das erhöhte Gewicht die Leistungsfähigkeit der Bremse nicht beeinträchtigt, muss der Bremsbelag entsprechend ausgelegt sein, was sich nicht selten in den Kosten für Anschaffung und Ersatz widerspiegelt.
Es bleibt insgesamt abzuwarten, wie sich die Preise bei E-Autos für Wartung und Service in den kommenden Jahren entwickeln und wer letztlich davon profitieren kann.